Das Danach nach dem Jetzt

Neulich fiel mir ein Haar aus. Es war etwa 25cm lang und schneeweiß. Ich versuchte mir vorzustellen, wie lange dieses Haar schon auf meinem Kopf existiert haben mochte. Ich sah in den Spiegel. Jeden Tag sehe ich mich unverändert, mehr oder weniger. Dennoch weiß ich, dass Milla älter wird, dass ich älter werde und ich stehe in diesem Bad, das zu unserer gemeinsamen Wohnung zählt – also Co-Vater / Co-Mutter / Kind – in der wir alle schon ein paar Jahre miteinander leben, und ich fühle mich plötzlich ein klitzekleines bisschen, als wäre ich zu Gast. Mir wird bewusst, dass ich mich inmitten einer Etappe meines Lebens befinde. Davor waren andere, danach kommen andere. Es wird den Zeitpunkt geben, an dem Milla auszieht. Ich werde dann vermutlich noch genauso in den Spiegel schauen und keine großartige Veränderung zum Vortag in meinem Gesicht finden. Hinterrücks beschleicht mich nun der Wunsch nach einem eigenen Zuhause. Wie verrückt, denke ich, du bist zu Hause und noch dazu in einem, in dem du dich richtig wohl und zufrieden fühlst. Ein Glück, ein Luxus sozusagen. Aber das Gefühl bleibt beharrlich. Ich kann in diesem Moment nicht stoppen, mich nach einem eigenen Refugium zu sehnen. Nach einem Hort von Ruhe und Sicherheit nur für mich. Nach einem Spiegel, den ich nicht wechseln muss. Später. Wenn Milla auszieht, so denke ich, werde ich voraussichtlich wieder ein Stück zu der Frau werden, die ich vor ihrer Geburt war. Ohne Ehefrau, ohne Golden Retriever und es wird vermutlich keine Stadtvilla mit einer von blauvioletten Hortensienbüschen gesäumten Garageneinfahrt geben. Es wird auch kein kleines Kind mehr geben, das mich in Beschlag nimmt, mich von manchen Fragen ablenkt. Realistischer erscheint mir, dass ich weiterhin in meiner Steuererklärung das Kreuzchen bei ledig setze. Das bedeutet dann wahrscheinlich so viel wie „frei“ und auch „allein“ und alles was dazwischen liegt. Eine vielfarbige Vision für mich. Ich stelle mir also eine kleine Wohnung vor, die nur mir gehört. Mit knarzendem Holzboden und einem Fenster, durch das am Morgen Sonnenlicht fällt. Eine Vase mit Hortensienblüten stelle ich auf einen wackeligen Sekretär. Ich lächle. In meinem Geiste dreht und wendet sich das Wort Altersvorsorge. Außer mir wird sich niemand darum kümmern.

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