Die Generationsfrage

Vor einiger Zeit befand ich mich in einer Talkshow. Es handelte sich um ein seriöses Format im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen, bei dem es prinzipiell ziemlich persönlich zugeht. Ich kam in eine große Halle. In blaues schattenhaftes Licht getunkte Stuhlreihen umgaben dort kreisförmig eine sich mittig aufbauende Sofalandschaft. Beige und hell erleuchtet, der Kegel der Aufmerksamkeit. Drumherum die Kameras, groß wie Kamelköpfe. Normalerweise sitze ich im Bus gerne hinten, da habe ich alles im Blick. Nun also mittendrin und obenauf, noch dazu nahezu live. Genauso gurgelte es in meinem Bauch. Eine freundliche Frau leitete mich treppauf, treppab, gradeaus, hallo, hallo, ja, hallo und um ein paar Ecken. Schließlich fand ich mich in der Maske wieder, die Spiegel hatten wirklich Glühbirnen ringsum und die Paste war wirklich erstaunlich dick auf den Poren, auch wenn das hinterher auf dem Bildschirm wirklich nur hauchzart wirkte. Anschließend noch aufs stille Örtchen und nochmal und nochmal, das Wasser, ja, ja und dann einmal kräftig räuspern und schon ging es wirklich los. Rücken gerade, Kopf hoch, für alles andere war es eh zu spät. Erst waren andere dran. Ich sah Gesichter, Gesten und hörte ihre Stimmen. Bis die Kamelköpfe zu mir schwenkten, sie trugen Halsbänder aus roten Punkten. Ich fühlte mich wie im Zoo, momentan vor allem aber wie in einem rasenden Safariwagen. Ich zog an der Handbremse und schob die Hacken vor. Der Wagen aber sauste weiter. Erst war es ein Gespräch, dann eine Diskussion, Themen, die ich schon kannte, und dann kamen die Fragen von der gegnerischen Bank. Keck saß mir dort eine Dame gegenüber. Sie hielt die Hand ihres Ehemannes. Eine grazile Statur, eine altehrwürdige Schauspielerin, vorn auf der Sofakante hockend. Lotti. Sie zählte gut achtzig Jahre. Ich war weiterhin auf Safari. Rücken gerade, Kopf hoch. Der Fahrtwind und das eigene Bauchgegurgel dröhnten ordentlich, Zwischentöne konnte ich nicht hören. Karg und wahr antwortete ich daher in meiner Lage. Auch auf die Frage: „Wie wollen Sie das später Ihrer Tochter erklären?“. „Was erklären?“, fragte ich zurück. Wie kann sie so unpräzise Fragen stellen, in dieser Situation, dachte ich leicht angestrengt. Irgendwann sprachen wieder andere, ich sah wieder Gesichter, Gesten und hörte ihre Stimmen, betrachtete die Kamele, die in andere Richtungen schauten und dachte noch über die Frage nach. Erst da begriff ich die vermeintliche Provokation. Was genau sollte ich meiner Tochter erklären? Familie ist für uns keine Schablone mit vorgezeichneten Figuren. Unser Alltag ist die Mama-Tochter-Familie, die Mama-Mama-Sohn-Papa-Familie, die Papa-Tochter-Familie, die Mama-Mama-Sohn-Familie, die Mama-Mama-Tochter-NochImBauch-Papa-Familie, die Mama-Papa-Sohn-Sohn-Familie, die alle so unterschiedlich sind und doch eines gemeinsam haben. Sie alle sind Familie. Was genau sollte ich meiner Tochter erklären? Durch diese Frage habe ich ein Stück meiner Betriebsblindheit verloren. Es gibt wirklich Menschen, für die ist Co-Parenting eine Insel, eine Utopie, ein ethisches No-Go. Ich habe aber die Hoffnung, dass es sich hierbei zunehmend um eine wenig differenzierte Generationsfrage handelt.

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