Wochen-Wechsel-Modell

Wenn sie aus dem Bus steigt und mich sieht, dann rennt Milla los und springt mir in die Arme. Der Turnbeutel vertüdelt sich an unseren Beinen und wir sind ein Knäuel aus Menschen, Jacken und Taschen. Am Montag kommt Milla zu mir zurück. Am darauffolgenden Montag springt sie Gianni in die Arme. Das ist so selbstverständlich wie Zähneputzen. Es ist durchgeplant für ein komplettes Kalenderjahr. Es läuft wie am Schnürchen. Glücklicherweise gibt es in der Schule bald Schließfächer, dann müssen neben Schulranzen (wirklich erstaunlich schwer), Klaviernoten (wirklich erstaunlich großformatig) und dem aktuellen Harry Potter Buch (wirklich erstaunlich seitenstark) nicht auch noch das Sportzeug, das zweitliebste Kuscheltier und der neueste Labello am gleichen Tag die Wohnung wechseln.

Bei Babbo ist es lauter, bei Mama leiser

Drei Jahre Wochen-Wechsel-Modell haben Routinen eingeschliffen und neue Sicherheiten geschaffen. Wochen-Wechsel-Modell klingt nach Trennung, nach Tränen, nach Verlust und Entbehrungen. Und ein bisschen ist es das auch. Es ist immer wieder ein Abschied. Ein kurzer. Aber ja, es ist ein Abschied. Es ist aber immer wieder auch Freude. Freude aufeinander, Freude auf den anderen Elternteil, Freude auf das andere Kinderzimmer, auf das andere Leben. Bei Babbo ist es lauter, bei Mama leiser. Bei Babbo ist es unordentlicher, bei Mama strukturierter. Bei Babbo ist die Welt eine andere, als sie bei Mama ist. Bei Mama gibt es mehr Zeit zum Spielen, bei Babbo ist mehr los. Bei Mama gibt es Jonas im Haus, bei Babbo Alina. In den Ferien, da geht es mit Mama nach Norwegen und mit Babbo nach Florenz. Das Kinderleben liegt nicht dazwischen, sondern bei und mit uns. Wir tauschen uns aus, was neu war, was die Lehrerin gesagt hat, worüber Milla lacht und weint, wann der nächste Chorauftritt stattfindet. Wenn es Montag ist, dann habe ich Zeit für sie. Ich freue mich, sie zu sehen. Ich freue mich, mir ihre Gedanken anzuhören. Ich freue mich, mit ihr die kommende Woche zu verbringen. Wenn es dann wieder Montag ist, dann weiß ich, dass Gianni sich freut, sie zu sehen, ihre Gedanken zu hören und mit ihr die kommende Woche zu verbringen. Wenn sie nicht da ist, dann vertraue ich. Ich gehe mehr arbeiten, zum Sport, ich treffe meine Freunde und ich schlafe mal eine Stunde länger. Es ist eine Elternschaft deluxe. Es geht uns gut damit.

„Egoistisch, das Ende der Menschheit“

Wenn ich das sage, dann muss ich nicht lange suchen, um folgenden Kommentar zu lesen: Egoistisch, das Ende der Menschheit. Ich denke darüber nach, ich frage mich natürlich schon, ob und wie, ich drehe und wende unser Leben. Und finde nicht das Problem. Vielleicht weil ich ich bin und wir wir sind. Vielleicht aber auch, weil wir in den letzten zehn Jahren als Familie gelebt haben. Wir sind gewachsen. Wir haben Erfahrungen gemacht. Familie ist kein Status quo, den man einmal einrichtet, ausstaffiert bis er gut aussieht und in dem dann alle bis ans Lebensende reglos verharren. Familie ist ein sich bewegendes Konstrukt, eine Verbindung von Menschen, die gegenseitig Verantwortung füreinander übernehmen. Gegenseitige Verantwortung bedeutet, dass es allen Beteiligten gutgehen darf. Dass Kompromisse gefunden werden. Dass miteinander gesprochen und sich zugehört wird. Dass man sich aufeinander verlassen kann. Ob die Wohnung unordentlich ist, in einem anderen Kiez liegt oder nur jede zweite Woche bewohnt wird. Wen kümmerts. Milla sagt, sie findet das gut so.

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