Krank sein

Krank sein. Husten, Schnupfen und Heiserkeit sind lästig. Als ich mich allerdings im Wartebereich einer Rettungsstelle wieder finde, den eigenen weißen Kittel an den Haken gehängt und den Kopf zwischen den Händen haltend, und weiß, dass man das schon wieder hin bekommt, dass es aber bedeutend mieser ist als eine Blasenentzündung, dann halte ich erstmal weiterhin meinen Kopf zwischen den Händen. Meine Tasche lehnt an meinen Waden und ich habe die Kinderbetreuung für die nächsten drei bis fünf Tage mit dem Vater meiner Tochter geklärt. Aber dann. Dann plant er eigentlich einen Trip nach Budapest und eigentlich hat er sein freies Wochenende, und dafür schon Konzertkarten, und eigentlich hat er dieses Arbeitstreffen am Donnerstag und eigentlich habe ich versprochen, neue Winterschuhe zu kaufen, in rosa, na klar, am Dienstag. In diesem Augenblick hätte ich sogar rosafarbene Schuhe mit glitzernden Einhörnern drauf erlaubt. Aber jetzt halte ich weiter meinen Kopf zwischen den Händen und denke erstmal nur an meinen Kopf und frage mich aber doch, was passiert wenn. Dann fällt mir auf, dass ich das Wenn nie in Betracht gezogen habe und ich kann mir vorstellen, wie das rechtlich funktioniert und das ist in meinem Fall auch völlig akzeptabel, aber dann sieht das Wenn anders aus, wenn es sich um den Beruf dreht, um das Alter, um die Gesundheit. Was ist, wenn das Wenn so groß wird, dass ich selbst nicht mehr entscheiden kann. Wenn es um den letzten Willen geht. Irgendwann. Wer macht das dann für mich. Wie weit reicht meine Familie. Oder sind es doch eher meine besten Freunde, mit denen ich mehr als nur halbwegs wahlverwandt bin. Als ich aufgerufen werde halte ich erstmal nur eine Hand an den Kopf und angel mit der anderen nach meiner Tasche, bis ich mich in ein Bett fallen lasse und die Decke bis zum Kinn hochziehe. Augen zu. Die nächsten drei bis fünf Tage sind geklärt. Danach müssen wir mal reden.

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