Teil 27: Erste Wochen II

Unser Frühchen gedieh emsig und beständig. Auch wenn es von 1490g eine gewisse Zeit dauerte bis zur Entlassung, irgendwann kam auch unser grosser Tag. Vom Mikrokosmos mit Händedesinfektion und Einsortierung in die Hackordnung Krankenhaus in die große weite Welt sollte es staufrei am Abend und im Dunkeln gehen. Das Auto randvoll mit all den lieben Geschenken, das Baby in den Maxi Cosi gelegt und rauf auf die Autobahn. Ein unheimliches Gefühl. Wo eben noch Kabel klebten auf Millas Haut, den Herzschlag aufzeichneten, lag nun meine Hand, die wissen wollte, ob sich der Brustkorb auch ja hebte und senkte. Unterwegs einmal gestillt. Kein Meckern oder Murren.Zu Hause ausgepackt, im Treppenhaus willkommen in deinem Zuhause gesagt, alle Heizungen auf fünf gedreht und danach gleich ins Beistellbettchen gelegt. Das gut 2 kg Kind ruderte umgehend mit den Armen. Erst fanden wir das niedlich. Als es damit aber nicht mehr aufhörte, nahmen wir es schliesslich in den Arm. Für ungefähr vier Monate.

Mit dem Baby zog auch der Vater bei mir ein. Das war gut so und gleichzeitig ein Problem. Erst Single und plötzlich zwei Menschen mehr und insgesamt drei verschiedene Tag/Nacht/Rhythmen, Kleiderhaufen, Duschgels, Bettdecken, Winterjacken, Handschuhpaare. Ich versuchte dem Chaos mit äusserlicher Ordnung und dem Staubsauger zu begegnen. Das war nicht leicht bei all den Babyutensilien, drei Menschen und sechzig Quadratmetern, da störte bereits die berüchtigte Fliege an der Wand. Dabei hatte ich genug Schlaf. Eine Luxus-Mutter sozusagen, mit einem zunächst nur alle 5h trinkenden Baby, das noch dazu nachts 12h schlief. Gianni obendrein im Wohnzimmer, in dessen Arm die Milla morgens wanderte, damit ich ohne sie noch etwas ungestört weiterschlafen konnte. Das Kind hingegen machte noch nicht viel. Ich schob es durch die Rehberge, egal ob Nebel, Sonne oder Schnee, schleppte es treppauf und treppab, zu Freunden, in Cafes, zur Physiotherapie, zum Kinderarzt, zur Beerdigung der Urgrossmutter. Und doch beherrschte es mein Leben nahezu komplett. Es schrie pünktlich um 20h zur Essenszeit, es schlief ab Mitternacht und zwischendrin sang, schaukelte, quatschte, föhnte ich unentwegt, dass das Kind und ich was von dem Tag hatten, auf dass ein Kind aus dem Kind würde, das irgendwann einmal seine Bedürfnisse artikulieren könnte, liefe, spräche und zu dem nicht mehr alle sagten: da ist aber noch jemand ganz klein.
Irgendwann kam auch ich allmählich wieder zum Vorschein. Eines abends entdeckte ich mich in der Schwimmhalle. Eines morgens im Kinderwagenkino. Eines nachts in der Disco. Ein Date. Ein bisschen Knutschen und betrunken sein. Unbeschwert wie ein Teenager bis früh in den Morgen tanzen. Das nach und nach größer werdende Baby wurde gleichzeitig auch wieder kleiner und schrumpfte schließlich auf Baby-Normalgröße zusammen. Fortan bewohnte Gianni zusehends seine eigene Wohnung.

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