Teil 9: Moskau dann

Wir saßen auf dem Bett, jeder auf einem. Wir hatten noch einen Abend bis dahin. Wir versuchten so zu tun, als wären wir stinknormale Touristen. Bis ich zugeben musste, noch nicht einmal in meinem Lonely Planet gelesen zu haben. Es ging um etwas anderes und das lag in der Luft und das war einfach der Wahnsinn und wurde jetzt erstmal nicht thematisiert.

Abendessen mit seinen Kollegen. Sie reisten morgen weiter, eine weitere Vorstellung irgendwoanders auf dieser Welt, Gianni musste diesmal dort nicht hin. Wir tranken und wir rauchten und die anderen machten das Dasein angenehmer. Wir riefen anschließend ein Taxi zu meinem Hotel und warteten draußen darauf und rauchten und tranken weiter, bei minus 20°C machte selbst das noch Freude, dann die Verabschiedung und eine kleine Reise durch die Nacht.Mein recht teures Hotel war eine Art Jugendherberge mit Einzelzimmer und Bad. Immerhin. Ich zog meine vier Kleidungsschichten aus und meinen Schlafanzug an und schwitzte noch immer. Das Fenster ließ sich nicht öffnen, die Heizung war nicht auffindbar, die Klimaanlage röchelte. Ich lag also in der Dunkelheit ohne Decke auf meinem Bett. Draußen befanden sich unendliche Schneemassen, die tagsüber von klein aussehenden Männern, von sich irgendwo am Himmel befindenden Hausdächern, geschippt und nachts von Autos mit winzigen Ladeflächen aus der Stadt herausgekarrt wurden – bis es erneut schneite. Ich spürte, dass ich eine junge Frau war, irgendwo in Osteuropa, die hier niemand verstand, die niemanden verstand und die niemanden kannte außer Gianni und die plötzlich dachte: bist du eigentlich völlig bescheuert? Aber die junge Frau wusste, für derlei Gedanken war es zu spät. Die Entscheidung war längst getroffen. So sei es. Und das war gut so. Das wusste sie genau. Jawohl.

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