Teil 37: Prioritäten

Früher war das anders. Wenn du aufwachtest und dein Hals schmerzte, wenn deine Muskeln schwer waren und das Thermometer etwas anzeigte, was dir nicht gefiel, so hattest du vermutlich die Bettdecke wieder über den Kopf gezogen und gedacht, hey, einen Tag ohne schlechtes Gewissen nicht arbeiten gehen. Jetzt dachtest du eher, na gut, Fieber, Muskelschmerzen und Halskratzen, damit muss man nicht ins Krankenhaus und glücklicherweise gibt es Paracetamol. So auch auf Tour 4. Milla und ich in Neapel. Im August. Allein. Die Sonne schien wieder und die letzte Nacht war so richtig beschissen. Ich hatte Kopf- und Nackenschmerzen und schwitzte wie verrückt. Ich schnappte mir das Kind und schob den Kinderwagen durch die engen Gassen. Das Licht wirkte staubig und im Schatten lugten Mariannenfiguren aus Mauervorsprüngen. Ich hatte Schweißausbrüche. Ich war langsamer als die dicksten Touristen. Vor einer Kirche blieb ich schließlich stehen. Ich starrte auf einen Totenschädel und fragte mich, ob der wirklich da war oder ob ich angefangen hatte zu halluzinieren. Darauf trank ich eine Flasche Wasser, kehrte um und dachte, es wäre schon gut, wenn Milla und ich noch etwas schliefen. Die Menschen erschienen mir wie Figuren aus einem Historienroman, nur das Knattern der Vespas holte mich ins Hier und Jetzt. Nach drei Stunden im Hotel fühlte ich mich noch immer wie gerädert und langsam verstand ich das auch. Ich hatte bei 32 Grad draußen 39 Grad Fieber. Und einen Insektenstich am Hintern. Also eine Paracetamol, abwarten im Bett, mit Milla solange ein Buch ansehen und dann hielt sie es drinnen nicht mehr aus und es rollte der Kinderwagen mit Milla erneut durch die gleichen Gassen wie zuvor. Ich schwitzte die Temperatur herunter und im Abendlicht wirkte die Stadt plötzlich weniger psychedelisch. Irgendwann aß ich eine Pizza und war trotz allem sehr froh.

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