„Pipi-Kacka-Wurst“

Seit der Vater meiner Tochter einen neuen Freund hat, ist das schön für ihn. Und ich freue mich mit ihm. Natürlich. Ich mag ihn. Natürlich bin ich ein bisschen neidisch. Aber ja, klar, ich freue mich mit ihm. Das gehört sich so und ich gebe mir auch wirklich Mühe. Mein Alleinsein ist nicht schlimm. Oft genug sehne ich mich sogar danach, dann, wenn der Wäschetrockner seit Stunden fertig ist und in regelmäßigen Abständen piepst, wenn meine Tochter schreiend wegrennt, nachdem ich Zahnbürste gesagt habe, wenn das Nachbarskind zu Besuch ist und mir von beiden Kindern die Küchentür vor der Nase zugeschlagen wird und ich „Du-Pipi-Kacka-Wurst“ und überdrehtes Gackern von der anderen Seite höre. Nachdem ich den Mädchen angeboten habe mit ihnen zu malen und zu basteln. Pustekuchen. Muss ich jetzt eigentlich erzieherisch einschreiten oder darf ich einfach sitzen bleiben? Ich bin dann so froh, wenn es 21.30h ist, wenn das Nachtlicht auf dem Tischchen neben meinem Bett behaglich leuchtet, mir damit eindämmert, dass ich es für heute geschafft habe. Wenn ich noch einen Tee trinke und niemand meinen Namen ruft, wenn mich niemand auf dem Sofa anrempelt, niemand an der Wolldecke zerrt, niemand nach mir ins Bett geht und das Licht anlässt, weil er noch lesen will. Ich bin alleine und das ist gut so. Doch dann sitzen sie beim Abendessen nebeneinander. Ich sitze ihnen gegenüber. Zugegeben, ich habe mehr Ellbogenfreiheit am Tisch, wenn ich dabei bin, meine Pizza mit einem stumpfen Messer zu zerteilen. Aber dann gehen sie zusammen zum Yoga-Workshop. Ich bringe das Leergut weg. Zugegeben, ich atme sowieso nicht gern in mein zweites Shakra, Joggen und Rad fahren sind seit jeher mehr mein Ding. Dann machen sie zusammen einen Wochenendtrip nach Rom und ich sitze in der großen Küche, esse mit meiner Tochter zu Abend. Wir beiden alleine. Endlich mal. Mädels-Abend, juchhuuu, mit Bibi und Tina und Amadeus und Sabrina. Manchmal tut das richtig gut. Manchmal ist das aber auch ganz schön still. Dann denke ich, Körperkontakt beim Pizzaessen kann auch ganz charmant sein. Aber dann kommen sie aus Rom zurück. Sie lassen geräuschvoll ihre Taschen fallen und zanken sich über irgendetwas und 21.30h ist für mich plötzlich ruckzuck wieder das was es war. Wunderbar.

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