Teil 10: Moskau weiter

Die Nacht war schlafarm und der Morgen müde, der rote Platz eiskalt und Lenin heute nicht zu besichtigen. In Restaurants, die aussahen wie Wohnzimmer, ein Berlin-Gefühl nur anders. Großstadt im Schnee mit rauchenden Schornsteinen vor azurblauem Himmel, dessen Farbe trog. Gianni verlor seine Handschuhe. Wir teilten, mal trug er meinen rechten und ich meinen linken, dann umgekehrt. Wir liefen einem Fahrplan nach, der auch ein ganz anderer hätte sein können und abends reservierten wir in einem auf sowjetisch gemachten Restaurant. Katzen auf Schrankwänden strichen im Takt des 50er Jahre Fernsehprogramms um Bilderrahmen und Blumentöpfe. Auf der Fensterbank ein Goldfisch im Glas. Mixed-pickles-Salat und rote Beete mit Hering und eine Flasche Wein zur Feier des Tages – für umgerechnet 50 Euro, die günstigste Flasche im Restaurant. Wir wurden betrunken und das war angenehm, erzählten uns warum wir uns füreinander entschieden hatten und tranken bis die Flasche leer war und dann war klar, wir mussten uns langsam auf den Weg machen. Das war auch insofern eine gute Idee, denn wir beide wollten dringend rauchen. Eine Schachtel an einem Abend und dann war sie leer und wir kauften an einem Kiosk ein russische Marke und liefen weiter und wussten nur so ungefähr wohin. Der Weg, ein eingeschneiter Grünstreifen zwischen zwei Straßen, in der Dunkelheit beleuchtet mit allerlei rot-grün-blau-gelbem Weihnachtsgetier. Für uns Mittel- und Südeuropäer war der Zauber im Januar längst verflogen, hier griff er um sich und wir machten ein Foto, für Dingsbums, falls es ein ost-, mittel- und südeuropäisches Kind werden sollte: deine bekloppten Eltern, kurz davor.

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